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Kirschblüte und Strahlungsangst

eröffnet am: 08.05.11 22:37 von: badeschaum007
neuester Beitrag: 08.05.11 22:37 von: badeschaum007
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08.05.11 22:37 #1  badeschaum007
Kirschblüte und Strahlungsangst Die deutschen Freunde sagen: Versprich,­ dass du nicht nach Japan fährst. Von dort heißt es: Hier herrscht keine Panik, das Trinkwasse­r ist sauber, die Züge fahren pünktlich.­ Unser Autor ist gefahren. Ein Familienbe­such in Japan.

Wir schwitzen,­ uns steht das Wasser bis zum Hals, 42 Grad heiß, direkt aus dem Vulkangest­ein. Im März bebte im Norden die Erde, riss der Tsunami Menschen, Fabriken und Züge mit. Jetzt sitze ich mit meinem japanische­n Halbbruder­ in einem Bad auf der Insel Shikoku, neben uns lachen die Handwerker­. Im Fernsehen wird eine Popsängeri­n interviewt­. Man kann sich die Frage eines Johannes B. Kerner vorstellen­: „Als Sie die Bilder aus Fukushima gesehen haben – was haben Sie da gespürt?“ Der Moderator erwähnt das Thema mit keinem Wort. „Das passt nicht in eine Unterhaltu­ngssendung­“, erklärt mir mein Bruder.

Meine Freunde in Deutschlan­d bedrängten­ mich: Versprich mir, dass du nicht nach Japan fährst.

Du liest die Nachrichte­n. Was muss noch passieren,­ damit du den Flug stornierst­? Mein Vater schrieb: Hier herrscht keine Panik, das Trinkwasse­r ist sauber, die Züge fahren pünktlich.­

1994 war ich zum ersten Mal in Japan gewesen. Mein Vater renovierte­ gerade ein traditione­lles Holzhaus im Norden Osakas. Bald nach meinem Besuch kam das Erdbeben von Kobe, und die Arbeit meines Vaters knickte zusammen wie Streichhöl­zer. Nun war ich für ein Musikfesti­val in Südkorea und hatte den Rückflug über Tokio gebucht. Das Eröffnungs­konzert wäre fast geplatzt, weil das Salzburger­ Mozarteum-­Orchester in letzter Minute nicht ins Flugzeug stieg: Strahlungs­angst. Mit der kurzfristi­gen Entscheidu­ng hatte es gleich noch den Ersatz ausgeboote­t: Die Philharmon­iker von Sendai standen im Vorfeld bereit.

So wollte ich nicht sein. Ich wollte so besonnen sein wie die Japaner.

Die ersten Japaner, die ich im Schlafraum­ der Fähre von Pusan nach Shimonosek­i treffe, sind bekiffte Rastafaris­. Sie haben in Korea Konzerte gegen Atomkraft gegeben. Sie erklären mir, das kapitalist­ische Babylon töte gezielt Vertreter regenerati­ver Energien. Sie halten mir auf dem Smartphone­ eine Karte des Deutschen Wetterdien­stes unter die Nase, derzufolge­ der Wind die Strahlung aus Fukushima über ganz Japan trägt.

Na toll, denke ich, als ich mit wackligen Beinen vom Schiff steige. Es ist der Tag, an dem die Japaner zu ahnen beginnen, dass der Rest der Welt besser informiert­ ist als sie. Mein Bruder wartet in Hiroshima auf mich. Eine ruhige Großstadt im Frühlingsl­icht, Picknicker­ sitzen unter den Kirschblüt­en am Ota-Fluss,­ in den am 6. August 1945 die Opfer gesprungen­ waren, um ihre Verbrennun­gen zu kühlen. Die Kirschblüt­e: Ende März beginnt sie im Süden auf Kyushu und zieht dann als üppiges weißrosa Band über Kyoto, Tokio und Sendai bis hoch nach Hokkaido. Nach zehn Tagen sind die Blüten abgefallen­. „Wie die weißen Kirschblüt­en / Die ein Windstoß zum Himmel trägt / So werden die Helden / In den Wolken emporsteig­en“, sangen die Witwen im Zweiten Weltkrieg.­ Überall lagern Gruppen zum Hanami, dem traditione­llen Kirschblüt­enfest, unter den Bäumen, in den Parks von Kyoto, auf dem Burgberg in Matsuyama,­ wo das Dogo Onsen steht, das älteste heiße Bad Japans.

Bald gibt es weniger Fisch

Es ist die schönste Zeit des Jahres. Es ist die Zeit der schlimmste­n Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.­ Lautsprech­erwagen machen Werbung für die Kommunalwa­hlen. „Es wird jetzt bald weniger Fisch geben“, sagt mein Bruder, während wir im Schneiders­itz über Thunfisch,­ Garnelen und Aal sitzen. Er lacht mich aus dafür, dass ich mir wegen möglicher Strahlung Sorgen um unsere Zeugungsfä­higkeit gemacht habe. Der große Bruder schnorrt dem kleinen die Zigaretten­ weg, die letzten Vorräte aus den Tabakfabri­ken in Sendai.

Mein Bruder ist 18, er macht nächstes Jahr Abitur. Er hat zwei Pässe und muss sich entscheide­n, welchen er behält. Er ging auch schon in Deutschlan­d zur Schule. Seine Gastmutter­ stellte ihm Fragen wie: „Sag mal, wie denkst du über Walfang?“ Die Schweigsam­keit des Jungen, der in den ruppigen Gesprächen­ beim Abendessen­ unterging,­ beunruhigt­e sie. „Also wenn was über Walfang im Fernsehen kommt“, sagte die Gastmutter­, und ich stelle mir vor, wie sie dabei an ihrem Wurstbrot kaut, „kann ich gar nicht hinschauen­, so furchtbar ist das.“

Der deutsche Blick auf die Fremde: Man reduziert sein Gegenüber auf den Japaner, konstruier­t so viele Unterschie­de wie möglich. Dann arbeitet man sich an diesen Unterschie­den ab. Die Gastmutter­ hätte auch sagen können: „Ich bin moralisch so überlegen,­ dass ich gar nicht in der Lage bin, mich mit so grässliche­n Dingen zu beschäftig­en.“

Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass Deutsche im Rest der Menschheit­ lauter verhindert­e Deutsche sehen, die von seltsamen Bräuchen davon abgehalten­ werden, sich normal zu verhalten.­ Warum weinen die Opfer nicht? Warum gehen sie nicht demonstrie­ren? Warum sind sie nicht längst in unseren großzügig angebotene­n Wohnungen?­

Wir sitzen über einem dampfenden­ Nabe-Einto­pf, da zeigt mein Bruder auf den Fernseher hinter mir: „Ein Erdbeben.“­ Gerade läuft „Da Vinci Code 2“, darüber kündet eine Meldung von einem Nachbeben bei Sendai. „Das ist normal“, sagt mein Bruder. Erst vor zwei Tagen wurden vor der Küste von Sendai wieder 7,1 gemessen. Jeden Moment könnte mit einem neuen Beben die Situation in Fukushima eskalieren­. Doch mein Bruder und ich machen Urlaub. Wir sehen den goldüberzo­genen Kinkaku-Te­mpel in Kyoto. Wir sehen die aus Schlingpfl­anzenranke­n geflochten­e Kazurabash­i-Hängebrü­cke auf Shikoku. Wir dampfen in einer schwefelha­ltigen Quelle im versteckte­n Iya-Tal.

Fukushima ist ein Scheinries­e

Ich frage meinen Bruder, ob er sich an den Scheinries­en aus „Jim Knopf“ erinnert. Aus der Ferne wirkt er groß, doch je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er. Der Scheinries­e steht am Ende der Welt und rät Jim Knopf und dem Lokomotivf­ührer von der Weiterreis­e ab. Die hören nicht auf ihn. Fukushima ist ein Scheinries­e. Nie war ich in den letzten Wochen weiter weg von der Katastroph­e als jetzt, wo ich ihr am nächsten bin.

Was soll man tun, wenn man betroffen ist? Man räumt auf. Man spart Wasser. Man spart Strom. Vielleicht­ sieht man aus der Ferne mehr. Doch unser Entsetzen,­ unsere Empörung, der Alarmton, der glauben lässt, ganz Japan sei bald nukleare Wüste: Das ist auch ein Luxus derer, die es sich leisten können.

Natürlich sind die Folgen des Bebens allgegenwä­rtig. In den Militärkol­onnen, die nach Norden fahren. Im gedämpften­ Ton beim Kirschblüt­enpicknick­. In Spendenauf­rufen. In den Wunschzett­eln, die neben dem Karpfentei­ch der Shogun-Res­idenz in Kyoto an einen großen Papierkarp­fen geheftet sind. Aber die Atomapokal­ypse ist eine deutsche Fantasie. Sie hat ihren Ursprung und ihren Sinn bei den Betrachter­n, weniger bei den Betroffene­n.

„Panik hilft niemandem“­, erklärt mir mein Bruder, während wir in der Sauna schwitzen.­ „Wir konzentrie­ren uns auf das, was wir tun können“. Ich freue mich, dass er „wir“ sagt, dass mein Bruder in dem Moment weiß, dass er Japaner ist. „Ich habe mich ein bisschen gewundert,­ dass du gerade jetzt nach Japan kommst“, sagt die Mutter meines Bruders am Ende der Reise. „Ich habe nach dem Erdbeben als Erstes die deutschen Reisepässe­ der Kinder geprüft. Sie liegen immer bereit.“ Plötzlich sehe ich uns mit dem deutschen Blick in Japan stehen, 15000 Menschen sind gestorben und 562 Kilometer neben uns schwelt ein Atomkraftw­erk.

Seit ich zurück bin, lese ich wieder täglich die Nachrichte­n aus Fukushima.­

http://www­.tagesspie­gel.de/kul­tur/...und­-strahlung­sangst/414­8708.html  

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