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So, 26. April 2026, 8:21 Uhr

Kriegsbedingte Übergänge in Europa


20.04.22 08:54
Triodos IM

LA Driebergen-Rijsenburg (www.aktiencheck.de) - Im letzten Teil der Reihe "Kriegsbedingte Übergänge in Europa" widmet sich Hans Stegeman, Chefanlagestratege bei Triodos Investment Management (IM) den Folgen des Ukraine-Krieges für die makroökonomische Politik und die Handelsabhängigkeiten im Hinblick auf die Veränderung der Wirtschaftsstruktur.

Unser Nahrungsmittelsystem trägt am meisten zur Umweltzerstörung bei, was vor allem auf die großflächige Anwendung zerstörerischer landwirtschaftlicher Praktiken zurückzuführen ist, so Stegeman. Die Landwirtschaft nehme heute etwa die Hälfte der bewohnbaren Fläche der Erde ein, verbrauche 69% des gewonnenen Süßwassers und sei zusammen mit dem übrigen Lebensmittelsystem für 25 bis 30% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Invasion in der Ukraine habe zwei Hauptprobleme geschaffen, die wahrscheinlich die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben würden. Er unterbreche die Produktion und den Handel mit russischem und ukrainischem Getreide und Pflanzenölen, die einen bedeutenden Anteil am Weltmarkt ausmachen würden - etwa 30% der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte zum Beispiel. Der Krieg habe auch die Düngemittelexporte aus Russland und Weißrussland unterbrochen, die zusammen einen großen Anteil an der Weltproduktion hätten.

Obwohl Länder wie Ägypten, das stark von Weizenimporten abhängig sei, am meisten darunter leiden würden, könnten die Auswirkungen auf die Preise auch in Europa groß sein. Genau wie bei der Energie sei es notwendig, die Widerstandsfähigkeit des globalen Nahrungsmittelsystems zu erhöhen, indem die Abhängigkeit von einigen wenigen Ländern und Unternehmen für den Großteil der Agrarrohstoffe und der Nahrungsmittelproduktion verringert werde. Dies bedeute, dass die Funktionsweise der Agrar- und Lebensmittelmärkte diversifiziert, gestärkt und verbessert werden müsse, damit sie weniger konzentriert seien und die übermäßige Marktmacht eingeschränkt werde. Die "Farm to fork"-Strategie der Europäischen Kommission ziele darauf ab, ein nachhaltigeres und widerstandsfähigeres Lebensmittelsystem in Europa zu schaffen, habe aber keine Antwort auf die Kriegsunterbrechung, da sie nicht dazu beitrage, die Abhängigkeiten vom Lebensmittelsystem mit Russland zu verringern.

Es sei notwendig, den Übergang zu beschleunigen und ehrgeizigere Nachhaltigkeitsziele zu setzen. Die Veränderung der Wirtschaftsstruktur sei nie ein Nullsummenspiel. Es gab und gibt einen Grund, warum so viele Ressourcen aus Russland kommen: Sie sind relativ billig und im Vergleich zu Alternativen leicht verfügbar, so Stegeman. Von der anderen Seite aus betrachtet: Energie- und Ressourcenunabhängigkeit habe ihren Preis, denn Übergänge gebe es nie umsonst.

In einer Übergangsphase würden die Preise sicherlich steigen. Und auch wenn ein nachhaltigeres System letztendlich effizienter und billiger sein möge, könnte es Jahrzehnte dauern, bis es erreicht sei. Daher könne es zu unerwarteten Rebounds und makroökonomischen Effekten kommen, die einen Übergang bremsen könnten. Die Politik könne einen erfolgreichen Übergang verhindern. Wenn die Preise während des Prozesses steigen würden - was wahrscheinlich der Fall sein werde -, stelle sich die Frage, wie der Schmerz verteilt werden könne. Unabhängig davon, wie notwendig der Übergang sei, könnten schlecht konzipierte politische Maßnahmen seine Geschwindigkeit oder sogar sein Ergebnis beeinträchtigen. Dies sei bereits bei der Energiewende der Fall. Die Subventionierung fossiler Brennstoffe, wie sie derzeit in verschiedenen europäischen Ländern erfolge, um die enormen kriegsbedingten Preissteigerungen auszugleichen, verringere den Anreiz, nach Alternativen zu suchen oder in Energieeffizienz zu investieren.

Auch bei der Ernährungsumstellung könnten politische Fehler den Erfolg verhindern: Rationierung oder Sanktionierung des Freihandels würden nicht automatisch zur Schaffung eines nachhaltigeren Ernährungssystems beitragen. Mehr denn je haben wir jetzt die Möglichkeit, die europäische Wirtschaft umzugestalten, so Stegeman. Um dies zu erreichen, bedürfe es in den kommenden Jahren einer gemeinsamen Anstrengung.

Es bedürfe eines langfristigen Engagements der politischen Entscheidungsträger, um das Umfeld so zu gestalten, dass Unternehmen neue Risiken eingehen könnten und der Finanzsektor diese Unternehmen finanziere und in sie investiere. Am wichtigsten sei es, in Europa attraktive, gleiche Wettbewerbsbedingungen für Investoren zu schaffen, damit diese die Brücke zu einer regenerativen europäischen Wirtschaft schlagen könnten. (20.04.2022/ac/a/m)