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Di, 28. April 2026, 3:31 Uhr

China: Zu bedeutend, um ignoriert zu werden?


13.09.23 14:25
Lazard Asset Management

Delaware (www.aktiencheck.de) - Die chinesische Wirtschaft ist ins Wanken geraten, nicht zuletzt aufgrund der Probleme der chinesischen Immobilienbranche, die etwa ein Viertel des Bruttoinlandprodukts (BIP) des Landes ausmacht, so die Experten von Lazard Asset Management.

Viele Anleger seien entsprechend verunsichert. James Donald, Leiter der Emerging Markets-Plattform von Lazard Asset Management, erläutere die Ursachen für die wirtschaftlichen Turbulenzen in China und wie Anleger damit umgehen könnten.

Nachdem der chinesische Immobilienkonzern Country Garden - einst der größte Immobilienentwickler Chinas ­ eine Kuponzahlung versäumt habe und im letzten Moment nachgeholt habe, wachse die Besorgnis der Marktteilnehmer über eine sich zuspitzende Immobilienkrise in China. Zeitgleich habe das hoch verschuldete chinesische Immobilienunternehmen Evergrande in den USA Konkurs angemeldet. Diese Ereignisse hätten die ohnehin schon gedämpfte Stimmung der Anleger gegenüber dem chinesischen Immobiliensektor und der Gesamtwirtschaft des Landes weiter verschlechtert.

Auch das Verbrauchervertrauen habe stark gelitten. Nach einem anfänglichen Boom im Zuge der Wiedereröffnung der chinesischen Wirtschaft im ersten Quartal 2023 hätten sowohl der chinesische Einkaufsmanagerindex (PMI) als auch die Exporte einen deutlichen Rückgang verzeichnet. China habe gehofft, diesen Abschwung durch einen Anstieg der Inlandsnachfrage ausgleichen zu können. Entgegen den Erwartungen würden die chinesischen Verbraucher jedoch eine deutliche Kaufzurückhaltung an den Tag legen. In den letzten Monaten seien die Einzelhandelsumsätze nur wenig gestiegen, während die Ersparnisse der Haushalte größer geworden seien.

Die wirtschaftlichen Probleme des Landes würden weit über den Immobilienmarkt hinausgegehen. In den letzten Jahren habe Chinas Regierung das Konzept des "gemeinsamen Wohlstands" verfolgt und dabei die Bereitschaft gezeigt, in ihrem Streben nach größerer Einkommensgleichheit nationale Champions zu stören. Dies habe zu bedeutenden Veränderungen in Sektoren wie zum Beispiel E-Commerce oder Online-Bildung geführt. Unternehmen seien gezwungen gewesen, der staatlichen Kontrolle mehr Bedeutung beizumessen als dem schnellen Umsatz- und Gewinnwachstum.

Gleichzeitig habe der Westen aus Gründen der nationalen Sicherheit Maßnahmen unternommen, um seine Märkte aktiv vor chinesischen Technologieprodukten zu schützen. Darüber hinaus habe Chinas Allianz mit Russland im Ukraine-Konflikt die Beziehungen zum Westen belastet und zu einem Rückgang ausländischer Investitionen geführt.

Bisher habe China keine wirksamen Maßnahmen ergriffen, um den Binnenkonsum anzukurbeln und Investitionen in Wachstumsbranchen zu lenken. Die Lockerung der restriktiven Maßnahmen zur Eindämmung von Immobilienspekulationen habe bisher nur begrenzte Auswirkungen auf die öffentlichen Ausgaben gezeigt. Sollte bis 2024 keine Erholung eintreten, könnte dies das Risiko einer Deflation erhöhen. Schließlich würden die wirtschaftlichen Aussichten des Landes von einer möglichen Trendwende abhängen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziere für China ein Wachstum von 5,2 Prozent im Jahr 2023. Dieses Ziel könne nach Meinung der Experten durchaus noch erreicht werden.

Anlagen in China könnten nach wie vor sinnvoll sein. Allerdings seien die Kapitalabwanderung und die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage Anlass zur Sorge. Die Experten würden einen aktiven Ansatz nutzen, um die attraktivsten Gelegenheiten in China zu identifizieren, und dabei gezielt nach Unternehmen mit einer hohen und nachhaltigen finanziellen Rentabilität suchen. Dabei würden die Experten auch das politische Risiko immer im Blick behalten.

Derzeit seien die chinesischen Unternehmen, die im MSCI China Index enthalten seien, so günstig bewertet wie nie zuvor. Entscheidend sei jedoch, jene Unternehmen zu identifizieren, die auf der richtigen Seite der Regulierungsreform stünden, und ihre finanzielle Stabilität anhand der gleichen strengen Kriterien zu bewerten, die man auch in jedem anderen Markt anwenden würde.

Neben der potenziellen Gefahr einer Immobilienkrise stelle auch der Konflikt zwischen Taiwan und China ein Risiko dar. China dürfte in Bezug auf die Wiedervereinigung mit Taiwan eine friedliche Lösung anstreben, um eine gewaltsame Invasion mit ihren verheerenden Folgen zu vermeiden. Allerdings bleibe die politische Umsetzbarkeit einer solchen Lösung fraglich. Sollte China doch militärische Gewalt anwenden, wäre es vermutlich strengen westlichen Sanktionen ausgesetzt.

Im Kontext von Emerging Markets-Investments sei China tatsächlich zu bedeutend, um ignoriert zu werden. Mit mehr als 1,4 Milliarden Menschen sei China das bevölkerungsreichste Land der Welt und verfüge zudem über die am schnellsten wachsende Mittelschicht weltweit. Chinesische Unternehmen würden zudem fast 30 Prozent des MSCI Emerging Markets (EM) Index ausmachen. Eine Massenflucht aus China aufgrund politischer Risiken sei angesichts der Größe des Landes, seines wirtschaftlichen Wachstumspotenzials, seiner Marktkapitalisierung, seines Gewichts im MSCI EM Index und der Anzahl chinesischer Titel im Schwellenländeruniversum nicht sinnvoll. Anleger sollten bei China-Investments dennoch mit Vorsicht vorgehen.

Es stelle sich die Frage, ob die Untätigkeit der Regierung wirklich zu einem Einbruch des Immobilienmarktes und damit zu einer weiteren Verschlechterung des Verbrauchervertrauens sowie der gesamtwirtschaftlichen Lage führen werde. Anleger sollten deshalb in der Zukunft die Daten zum chinesischen Immobilienmarkt sowie jegliche Veränderung in der Politik genau beobachten, um die Aussichten für den Binnenkonsum und die Industrietätigkeit des Landes bewerten zu können. (13.09.2023/ac/a/m)